Stumme Zeitzeugen

Aufgeschrieben von Wolfgang Hausmann

Im Volksmund fällt oft der Ausdruck: „Wenn Steine erzählen könnten“. In der Tat ist dies der Fall, denn die stummen Zeugen der Vergangenheit sagen schon einiges aus. Hier in diesem Beitrag sind die sogenannten "Schlusssteine" gemeint. Damals und noch heute ist es üblich, in den Eingangstürgewänden zum Haus einen Stein mit Initialen, wie meistens der Erbauungsjahr beziehungsweise den Anfangsbuchstaben des Erbauers anzeigen.

War ein Handwerk oder eine Zunft einbezogen, so wurden die Zeichen des jeweiligen Gewerkes zugeordnet. So konnte von außen schon erkannt werden ob hier ein Bäcker oder Fleischer tätig war. In unserer Stadt sind hierzu einige Erfassungen und Niederschriften, durch den Ortschronisten, Otto Lorenz, im Archiv der Stadt abgelegt worden.

Der aufmerksame Bürger kann bei einem Spaziergang durch die Stadt einige solcher Zeugnisse betrachten. Obwohl Lunzenau viel älter ist, haben die Steine Jahreszahlen jüngeren Datums. Das steht im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem großen Stadtbrand 1781.

Unmittelbar nach dem Inferno der Flammen, dem der größte Teil der Stadt zum Opfer fiel, wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Bei der Errichtung der Gebäude wurden die Schlusssteine neu datiert.

Zeitzeuge Markt 14Einer der markantesten Zeitzeugen ist in der Wand des Hauses Markt 14, Eingangs zur Friedensstraße, zu sehen.

Die Initialen „FGH 1782 und eine Brezel“ zeigen noch gut erkennbar das Erbauungsjahr und den Zweck als Bäckerei.

In früherer Recherche war auszumachen, dass ein Bäcker, Namens Hoppert, hier an dieser Stelle das Bäckerhandwerk ausübte. Im Ort gibt es nach der Erhebung noch sehr viele solcher Zeitzeugen. Dem Umbau der Häuser in vergangenen Zeiten sind einige dieser Schlusssteine leider zum Opfer gefallen und vernichtet worden. Deshalb ist es wichtig, diese Schlusssteine zu erhalten. Gerade zur jetzigen Zeit wird noch so manches Gebäude aus baulichen Gründen aus dem Stadtbild verschwinden darum gilt es diese geschichtlichen Relikte der Vergangenheit zu sichern und zu verwahren.

Neben den historischen Schlusssteinen gibt es noch sogenannte „Gedenksteine“ als Erinnerungsbewahrer vergangener Vorkommnisse. In der zur Kirche gestellten Giebelseite des Hauses Nr. 2 in der Karl-Marx-Straße ist ein unscheinbarer Stein mit einem Kreuz und der Jahreszahl „1515“ eingemauert. Die Legende berichtet, dass um 1515 im Verlaufe des katholischen/evangelischen Glaubensumbruches in der Reformationszeit, ein Pfarrer, welcher gegen die Gesellschaft tyrannisierenden Umtriebe protestierte, heimtückisch und hinterrücks ermordet worden sei. Dazu soll zur Erinnerung dieser Stein angefertigt worden sein.

Zeitzeuge ElektrizitätswerkEin weiterer Zeitzeuge ist in der Altenburger Straße gegenüber dem ehemaligen Elektrizitätswerk zu sehen.

 

Die Inschrift lautet:

Diese Wohnung Wart dem 28. May Von der Flut des Wassers Zerstoeret JSR 1839.

Sicher ist, dass fast jeder Stein aus diesem Milieu eine Geschichte erzählen kann.

Betrachten wir diesen kleinen Ausflug in die Welt der Steine als Anreiz zum Nachdenken und vielleicht kann der Eine oder Andere darüber berichten. Wir würden uns freuen.

© W.H. 2009